AZ Ahlener Zeitung 2019

Katalog zur Ausstellung FORTE CONTRASTO  der Gallery ART MOVES in der Wasserburg Ratingen 2018

Katalog zur 23. Kunstausstellung NATUR - MENSCH im Nationalpark Harz

Hrsg. Stadt Braunlage, Nationalparkverwaltung Harz, Wernigerode, 2017

Katalog zu den 10. Wiesbadener Fototagen, INSIGHT, 2017

Festval für zeitgenössische Fotografie

Katalog zum 4. Opus-Fotopreis

ISBN: 978-3-9815946-4-5, Verlag Saarkultur gGmbH, Hrsg. Dr. Kurt Bohr, 2017

Sabine Bartelsheim / Kunst des Zeigens  2016

Die Vitrine wurde nicht erfunden, um zeitgenössische Kunst aufzunehmen, schon früh aber wurde der „Schaukasten“, wie er im Deutschen heißt, Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung und das vermeintlich nur rahmende Objekt zum Teil von Kunstwerken. Die Installationen, die die Studierenden der HBK Essen für das Regionale Rechenzentrum der Universität Köln entwickelt haben, zeigen eindrücklich die Vielfalt und Komplexität der Möglichkeiten einer solchen Kunst „im Glas“ („IN Vitro“). 

Die große Zeit der Vitrinen beginnt in den Kunst- und Wunderkammern der europäischen Fürsten, die der Welt ihre gesammelten Kuriositäten aus Natur und Kunst zeigen, diese aber zugleich auch vor dem Zugriff des Publikums schützen wollten. Diese Funktion behielten die Vitrinen auch als ihr Inhalt, ihr Ort und der Zweck der Sammlungen sich ab Ende des 18. Jahrhunderts zu differenzieren begannen. Ihre wohl größte Bedeutung erlangte die Vitrine in den natur- und volkskundlichen Museen, die ihre Gegenstände einem rationalen Ordnungssystem unterwarfen. Ausgestopfte Tiere, Fehlentwicklungen der Evolution oder menschliche Artefakte wurden nun geordnet nach syste- matischen und historischen Kriterien hinter Glas präsentiert. In den Kunstmuseen kam die Vitrine vornehmlich zum Einsatz, um die Kunst des Altertums, die das kulturelle Gedächtnis der europäischen Kunst verkörperte, aufzunehmen. Anders die Kunst der eigenen Zeit: Sie sollte unabhängig von Ordnungsmustern und unmittelbar auf den Betrachter wirken. Im französischen Salon wurden die Bildwerke durch Rahmen und Sockel aus der Umgebung herausgehoben, aber nicht hinter Glas verbannt. So verwundert es nicht, dass einer der vielen Kritiker der Impressionistenausstellung von 1880 angesichts der Tatsache, dass Edgar Degas seine Kleine vierzehnjährige Tänzerin in einer Vitrine zeigte, den biestigen Vergleich herstellte zu einem medizinischen Ausstellungsobjekt: einem deformierten Fötus in einem mit Alkohol gefüllten Glas. 

Degas‘ kleine Wachsfigur in der Vitrine steht am Beginn einer künstlerischen Praxis, die die Vitrine und damit die Geste des Zeigens selbst zum Teil des Werks macht. Ihm folgten die Surrealisten, die ihre rätselhaften „Objets trouvés“ in der Vitrine präsentierten und in der Fotografie den Reiz des kommerziellen Schaufensters entdeckten. Über Arman, Yves Klein, Joseph Beuys, Damien Hirst und Mark Dion hat sich die Faszination für die scheinbar nur dienenden Glaskästen und ihre mannigfaltigen Bezüge bis heute fortgesetzt. 

Die Vitrinen im RRZK strahlen wie die gesamte Umgebung normalerweise eine Atmosphäre der Sachlichkeit aus, die mit ihrer Funktion als potentielle Demonstrationsräume für mathematisch-wissenschaftliche Objekte konform geht. Mit den künstlerischen Aneignungen durch die Studierenden der HBK Essen verschiebt sich diese „neutrale“ Anmutung der Vitrinen in vielfältige Richtungen und die Geste des Zeigens und ihr spezifischer Ort werden Teil sehr unterschiedlicher künstlerischer Konzepte. 

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An die Praxis, „echte“ Lebensformen in Vitrinen zu zeigen, erinnert die Fotoinstallation „Mutatio“ von Angela Brandt. Nasspräparate, die im 19. Jahrhundert in großem Stil gesammelt wurden, um die Gesetze der Evolution zu veranschaulichen, werden meist zweifach hinter Glas präsentiert. Bei „Mutatio“ scheinen die Präparate und ihre Gefäße zu einem einzigen, im ursprünglichen Sinne des Wortes „monströsen“ Objekt verschmolzen zu sein. An die Stelle von runden Gläsern, die sich in Form und Größe den gezeigten Lebensformen anpassen, ist ein einziges eckiges Glas getreten, das den Proportionen der umgebenden Vitrine angepasst ist. „Fehlgebildet“ wie das Behältnis wirkt mehr noch die artifizielle Lebensform in seinem Innern, die aus Bildern mehrerer der immer gleich farblosen Präparate zusammengesetzt ist und deren heterogene Ansichten sich partout nicht zu einem einheitlichen Vorstellungsbild zusammensetzen lassen. Nasspräparate lösen nicht selten ein Gefühl des Unheimlichen aus, das sich aus der Mischung aus Vertrautem und Unvertrautem, Lebensechtheit und Tod, bekannter Lebensform und „Fehlbildung“ speist. Auch diese Eigenschaft und mit ihr der Anteil des Zeigemodus an dieser Wirkung werden hier wahrnehmbar. 

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Ende des 20. Jahrhunderts schienen Vitrinen veraltet und endgültig zu Emblemen einer „verstaubten Museumslandschaft“ geworden zu sein. Diese Haltung hat sich bis heute gründlich gewandelt und die Vitrine sich als Präsentationssystem behauptet. Auch wenn sie als Medium des Zeigens für die Kunst auf einer ganz anderen Ebene von Bedeutung ist als für die Wissenschaft, ist die Vitrine, wie die vielschichtigen Werke der Ausstellung IN Vitro zeigen, doch ein immens produktiver Ort, um beide Bereiche zu verbinden. 

Prof. Dr. Sabine Bartelsheim 

Auszüge aus dem Text von Sabine Bartelsheim: Kunst des Zeigens, in: IN vitro, Ausstellungs-Katalog Regionalse Rechenzentrum der Universität zu Köln, Essen 2016 

Katalog zur Gruppenausstellung: Hrsg.: ISBN: 978-3-940887-87-0, Edition HBK Essen GmbH, fadbk AG | HBK Verlag

mit Beiträgen von Prof. Dr. Sabine Bartelsheim, Prof. Carsten Gliese und Dipl.-Math. Johannes Boll 
 

Katalog zur Ausstellung IN VITRO im Rechenzentrum der Universität zu Köln

ISBN: 978-3-940887-87-0, Edition HBK Essen GmbH, fadbk AG, HBK Verlag, 2016

Johannes Boll / IN vitro  2016